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Auf den zweiten Blick

Faltbrief ab MALAGA ANDALUSIEN nach ANTWERPEN

 

Viele Belege bestechen auf den ersten Blick durch ihre schlichte Schönheit. Oft ist es ein sauber abgeschlagener Stempel, eine besonders schöne Briefmarke, eine seltene Destination oder eine noch fehlende Portostufe, welche den Sammler zum Kauf bewegt. Beschränkt sich der Sammler nach einer raschen Analyse auf diese Details, findet der Beleg rasch einen Platz in einem Album und gerät oftmals in Vergessenheit. Eigentlich schade, denn so mancher Einkauf entpuppt sich mit etwas Recherche als interessantes geschichtliches Zeitdokument.

 

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Abb. 1: Faltbrief ab MALAGA ANDALUSIEN gemäß dem roten Zweizeiler, adressiert an Henry Vanderlinden wohnhaft in Antwerpen. Datiert auf den 16. Januar 1838. Der Brief lief im Transit (roter T.F = Transit Français) durch Frankreich. Des Weiteren erkennen wir einen Landungsstempel PAYS D’OUTREMER PAR COLLIOURE. Der Empfänger musste für den Brief 16 décimes Porto entrichten. Auf der Rückseite befinden sich zwei Stempel: In blau der Postvertragsstempel FRANCE PAR QUIEVRAIN BRUXELLES vom 2 FEV 1838 und ein Ankunftstempel ANVERS vom 3 FEV 1838.

Verwunderlich erscheint die Tatsache, dass der Transport über See erfolgte, wie der französische Kastenstempel PAYS D‘OUTREMER PAR COLLIOURE verdeutlicht. Für diese Umleitung musste es damals einen triftigen Grund gegeben haben, denn üblich war der Landweg. Es stellt sich heraus, dass der Landweg wegen kriegerischer Handlungen nicht zugänglich war. Dies führt uns unweigerlich zu den Carlistenkriegen. Es gab drei davon, uns interessiert der erste.

Die geschichtlichen Hintergründe

Als Folge des spanischen Erbfolgekrieges von 1701-1714 wurden in Spanien die Salischen Erbfolgegesetze erlassen, welche Frauen grundsätzlich von der Thronfolge ausschlossen. Nun konnte König Ferdinand VII. von Spanien auch nach drei Ehen keine lebenden Nachkommen vorweisen. Bliebe er ohne männlichen Nachkommen, wäre das Thronrecht automatisch auf seinen jüngeren Bruder Carlos übergegangen. Carlos machte sich große Hoffnung auf den Thron. Ferdinand allerdings hatte anderes im Sinn.


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Abb. 2: Ferdinand VII. König von Spanien.
Museo Del Prado, Madrid.

Auf Betreiben seiner vierten Gattin Maria Cristina von Neapel-Sizilien, welche er am 11. Dezember 1829 geheiratet hatte, beantragte er die Aufhebung der salischen Erbfolgegesetze.  Am 29. März 1830 wurde die alte spanische Erbfolge wiederhergestellt. Sie ermöglichte eine weibliche Thronfolge, sollte es keinen männlichen Erben geben. War es Eingebung gewesen? Am 10. Oktober 1830 kam Isabella Maria zur Welt und am 20. Januar 1832 ihre Schwester Luisa Fernanda. Ein männlicher Thronfolger blieb aus.

Die von Ferdinand erwirkte Änderung der Thronfolgereglung hatte zur Folge, dass sein Bruder Don Carlos sich seiner Thronansprüche beraubt fühlte. Dies rief seine Anhänger ‚die Carlisten‘ auf den Plan. Definition (Wikipedia): die Carlisten waren eine monarchistische politische Gruppierung deren Anhänger die Legitimität der Thronfolge der spanischen Königin Isabella II. bestritten und für das Thronrecht ihres Onkels Carlos María Isidro von Bourbon eintraten.


Wie aus einem Schreiben an den Deputierten Constant Paillard-Ducléré vom 23. Februar 1831 hervorgeht, wurde in Paris schon 1831 mit Aufständen der Karlisten gerechnet.

 

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Abb.3: [..] Mes cousins me disent que les carlistes intriguent beaucoup, ils craignent des troubles [..]

 

Der König starb am 29. September 1833, seine Tochter Isabella wurde im Alter von drei Jahren Königin von Spanien, ihre Mutter übernahm die Vormundschaft. Wenige Tage nach dem Ableben des Königs kam es zu ersten Unruhen. Don Carlos wollte diese Neureglung so nicht hinnehmen. Mit der Unterstützung seiner Anhängerschaft, den Carlisten, erhob er sich sozusagen selbst zum König. Die Königin-Regentin María Cristina erklärte ihn daher am 16. Oktober zum Rebellen. Don Carlos zeigte jedoch keinerlei Einsicht und entfesselte 1834 einen blutigen Bürgerkrieg.

Die ersten Aufstände fanden in den baskischen Provinzen statt. Die Unruhen breiteten sich über Navarro, Aragon und Katalonien aus und legten fast den gesamten Norden Spaniens lahm. Auch Teile der Extremadura und Andalusiens waren betroffen. 1837 standen die Aufständischen sogar vor Madrid, blieben aber erfolglos. Die Streitigkeiten wurden 1839 durch Einwirken der Generäle beigelegt, die Kämpfe dauerten angeblich aber noch bis 1840 an. 1845 ging Don Carlos nach Frankreich ins Exil. Ihm wurde das Stadtschloss ‘l‘Hôtel de Panette‘ in Bourges zugewiesen, heute ein Hotel. Ich hatte hier vor einigen Jahren auf meiner Reise in den Süden ein Zimmer reserviert. Zufälle gibt es.

Der Leitweg

Normalerweise wurde Post nach Frankreich und dessen angrenzende Staaten über den Landweg transportiert. Nicht so bei diesem Beleg, welcher den Seeweg nahm und in Collioure in den Postvertrieb kam. Der Kastenstempel PAYS D’OUTREMER PAR COLLIOURE wurde zwischen November 1836 und Februar 1839 gebraucht. Collioure ist eine kleine französische Hafenstadt nahe der spanischen Grenze, 25 km südlich von Perpignan gelegen. Der übliche Landweg über Irun und St Jean de Luz war schon ab Oktober 1835 wegen der Carlistenkriege weitgehend versperrt. Ab Februar/März 1836 wurde der Vertrieb über Barcelona und Oloron eingerichtet. Aber auch diese Route war nicht immer sicher. Ebenfalls ab Februar 1836 wurde von Seiten der Post der Seeweg toleriert. Nun musste dieser Dienst aber organisiert werden. Doch die Initiative ging nicht etwa von der Postverwaltung aus. Es war die Handelsflotte, welche sich der Sache annahm. So wurde zum Beispiel ab Juni 1837 ein regelmäßiger Dienst zwischen Le Havre und Portugal eingerichtet. Anfang 1838 kamen 4 Dampfer (Océan, Phocéen, Elbe, Tage) der Compagnie Fraissinet im Mittelmeer zwischen Marseille und Spanien zum Einsatz.

 

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Abb. 4:  Ansichtskarte mit Blick auf den Hafen und das Schloss von Collioure

 

Der Dampfer

Um die Strecke über See von Malaga nach Collioure zu bewältigen bedurfte es eines Schiffes. Ein Vermerk hierfür befindet sich am oberen Rand des Faltbriefes: Vapeur Phocéen.

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Die Phocéen war Frankreichs erster Raddampfer im Mittelmeer. Sie wurde auf der Werft von La Ciotat gebaut. Stapellauf war am 14. April 1836. Die Auslieferung an die Compagnie Fraissinet erfolgte im Mai. Am 31. Mai 1836 verließ die Phocéen den Heimathafen Marseille zu einer dreimonatigen touristischen Rundreise im Mittelmeer. Alger, Tunis, Malta, Navarin, Smyrna, Konstantinopel und Athen lagen auf der Route. Auf der Rückreise lief der Raddampfer die Häfen Palermo, Neapel, Livorno und Genua an. Die Phocéen war bis Anfang 1838 in Betrieb. Im Februar 1838 wurde sie an den Sultan Mahmud II. verkauft und auf den Namen Peyk-i Sevket getauft. Die Phocéen kam demnach nur kurz (Januar-Februar) auf der Strecke Marseille – Spanien zum Einsatz.

Der Posttarif

Das Porto wurde gemäß dem belgisch-französischen Postvertrag von 1836 berechnet. Dieser Postvertrag besagte, dass Belgien 39 décimes je 30 Gramm für Briefe aus Spanien an Frankreich vergüten musste. Das zu Lasten des Empfängers fällige Porto wurde wie folgt berechnet: 11d für die Strecke von Collioure bis Valenciennes (751-900 km) plus 5d für die Strecke von Mons nach Anvers. Gesamt 16d. Das Spanische Teilfranco bis zur Grenze musste vom Absender entrichtet werden. Laut dem spanischen Auslandstarif von 1815 wären dies 14 cuartos de vellón bis 5 adarmes (9 Gramm) gewesen, unabhängig ob Land- oder Seeweg. Leider befindet sich kein Franco-Vermerk auf der Rückseite, welches Auskunft über den angewandten Tarif geben könnte. Auch der übliche PP-Stempel fehlt. Vielleicht hat der Absender den Brief ja auch direkt beim Kapitän des Dampfers aufgegeben und einzig den französischen Seewegzuschlag von 1 décime bezahlt. Diese Frage wird wohl ungeklärt bleiben.

Quellen

Les tarifs postaux français 1627 – 1969, R. Joany 1982

Les relations de la France avec l’Espagne de 1660 à 1849, Tome 2 ; Michèle Chauvet, 2002

La poste maritime française ; Raymond Salles

https://www.dasv-postgeschichte.de/pv/pv_download.asp?file=976.pdf

http://www.spanien-bilder.com/spanische_geschichte/karlistenkriege/karlistenkriege.php

https://fr.wikipedia.org/wiki/Charles_de_Bourbon_(1788-1855)

https://fr.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_VII

https://fr.wikipedia.org/wiki/H%C3%B4tel_de_Panette 

http://www.museeciotaden.org/Pages%20C%E9l%E8brit%E9s/louisbenet.htm